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G.E. DELLSCHAU KG - Berlin Festschrift 100 Jahre

 

Der nachfolgende Text ist die "elektronische" Umsetzung der Dellschau´schen Familienchronik, welche im Jahre 1921 zum 100 Jährigen Bestehen der Firma G.E. Dellschau von Dr. jur . Otto Dellschau am 1. April 1921 veröffentlicht worden ist.

Von dieser Festschrift, die ihrer Zeit weit voraus, auf den ersten Offsett-Druckmaschinen gedruckt wurde, gibt es nur noch wenige Exemplare, ich möchte versuchen, auf diese Art und Weise, ein wenig Familiengeschichte zu erhalten, da das Papier immer weiter zerfällt. Mir sei gestattet, weil es nicht den Rahmen sprengen sollte, einige Bilder aus der sehr bilderreichen Chronik wegzulassen ...

Die Chronik selbst gliedert sich in zwei Teile :

Die Alte Zeit (1798 bis 1853)

Die Neue Zeit (1853-1921)


Robert Dellschau, Oktober 1997

 



DIE Chronik

DIE ALTE Zeit

 "Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser"

Menschen, die im wirtschaftlichen Leben stehen, müssen einen obersten Grundsatz befolgen, der "immervorwärts" heißt. Ist ein Geschäft abgewickelt dann nehmen sie die dabei gemachten Erfahrungen als Bereicherung ihres Wissens in die Zukunft hinüber, im übrigen aber belasten sie ihre Kräfte mit keinen Rückblicken.



Gustav Eduard Dellschau

Und doch sind einige seltene Ausnahmen von dem an die Spitze gestellten Grundsatze allgemein durch die Sitte anerkannt und geheiligt.

Wenn ein Viertel-, ein halbes oder ein ganzes Säkulum nach einem bestimmten Ereignis vergangen ist, machen wir einen kurzen Augenblick Halt, um uns wie einWanderer von einer Hohe aus den zurückgelegten Weg sinnend zu betrachten, Vergleiche anzustellen:

Wo warst du und wo bist du ?

Ein solcher Anlaß, zurückzublicken auf die Bahn, die von der Firma G. E.Dellschau seit Ihrer Gründung in einem Zeitraum von 100 Jahren durchlaufen worden ist, liegt heute für mich vor.

Die Chronik einer Familienfirma ist eng mit der Familie, die ihr den Namen gegeben hat und ihre Schicksale bestimmt und teilt, verbunden, sie wird deshalb zum großen Teil Familienchronik sein. Ich bitte deshalb den Leser, es nicht als Unbescheidenheit aufzufassen, wenn ich heute mein eigenes Geschlecht inden Vordergrund stelle. Was ich hier aufzuzeichnen gedenke, beruht nicht alles auf authentischen schriftlichen Urkunde, teilweise werde ich mich auf mündliche Familientradition stützen, und dort, wo die Bindeglieder unvollständig oder verwischt sind, werde ich meine Phantasie zu Hilfe nehmen, um ein möglichst anschauliches Bild zu schaffen in der Hoffnung, daß der Leser auf meine kleinen Ergänzungen Giordano Brunos Ausspruch: ,,Se non è vero, è ben' trovato" wird anwenden können.

Die Familie Dellschau ist eine sehr alte Berliner Familie. Der älteste Dellschau, von dem die Familienchronik noch Näheres zu erzählen weiß, lebte zur friderizianischen Zeit und war Beamter beider Kgl. Steuerverwaltung. Durch Fleiß und Pflichttreue erwarb er sich eine angesehene Stellung. Er wurde wegen seiner Tüchtigkeit vom Großen König geschätzt und erhielt aus seiner Hand anläßlich eines Jubiläums für treugeleistete Dienste eine Schnupftabaksdose aus französischer Emaille mit Watteaubildern, die noch heute als Familienreliquie aufbewahrt wird. Von seinem Sohn Christian ist nach seinem Bürgerbrief nur bekannt, daß er Schneider war, während der Enkel Johann Christian sich dem Studium der Philologie zuwandte, Pädagoge wurde und in der Jüdenstraße eine Höhere Knabenschule leitete. Gleich und gleich gesellt sich gern. Er reichte seine Hand zum Ehebunde der Vorsteherin einer Höheren Mädchenschule der Nachbarschaft. Fortan wurden beide Schulen von den Dellschauschen Eheleuten gemeinsam geleitet. Die Schulen standen in gutem Ansehen. Die Berliner gaben gern und vertrauensvoll ihre Kinder dorthin. Reichtümer scheint das Pädagogenehepaar durch die Ausübung seines Berufs nicht erworben zu haben, aber eine gewisse Wohlhabenheit war bei ihnen zu Hause. Sie werden als "Eigentümer" erwähnt, und Eigentümer wurden damals, anders als heute, als Menschen gehobeneren Standes betrachtet. Dem Ehebunde entsprossen zwei Söhne, Adolph und Gustav Eduard.

Das Glück blieb ihnen jedoch nicht treu. Auch dieWende des 18.Jahrhunderts und die nachfolgenden Jahre hatten ihre Kriege, ihre Mißernten, Hungersnöte, großen Teuerungen und Sorgen. Auch damals gab es Tränen um vergossenes Blut und versinkendes Gut. Die Napoleonischen Kriege, der Zusammenbruch und die Erhebung Preußens zerstörten mit ihren tief einschneidenden wirtschaftlichen Wirkungen das Glück auch im Hause Dellschau. Das Hauseigentum konnte nicht mehr gehalten werden und mit dem einstigen Wohlstand ging es zusehends bergab. Von den beiden Söhnen war Adolph der aufgeweckten Gustav Eduard dagegen war mehr verschlossen, ein ruhiges mehr nach innen gerichtetes Kind, auch wohl etwas schwerfällig, dagegen aber gründlich, vielleicht pedantisch, stets ernst und pflichtgetreu. In seinem letzten vom Grauen Kloster ausgestellten Zeugnis wird sein Betragen als "sehr pflichtmäßig und auf den Geist der Klasse sehr vorteilhaft einwirkend", seine Aufmerksamkeit als "angestrengt und ausdauernd" und sein Fleiß als "in allen Lehrgegenständen und auch in seinen häuslichen Arbeiten sehr zu loben" angegeben.

Vor dem unglücklichen Kriege wäre es selbstverständlich gewesen, daß beide Söhne die Universität bezogen hätten. Das erlaubten aber die Verhältnisse nicht mehr. Die Eltern entschlossen sich infolgedessen, eines ihrer Kinder studieren zu lassen und das andere in die kaufmännische Lehre zu geben. Die Eltern hielten den aufgeweckten Adolph für ihren begabteren Sohn und bestimmten ihn zum Studium. Aber wie so oft die Eltern glauben, ihre Kinder am besten beurteilen zu können, in Wahrheit aber am schlimmsten irren, so war es auchhier. Adolph ( Anmerkung von R. Dellschau: C.A.A. Dellschau hat noch einige Geheimnisse auf Lager... falls er es denn dann ist.) war ein Täuscher. Niemals hat er sein Studium beendet. Alle Studienjahre waren verlorene Zeit Schließlich wandte er sich dem Schlächtergewerbe zu; aber auch hier konnte Bruder Leichtsinn sein Fortkommen nicht finden. Die einstmalige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern, empfing er bis an sein Lebensende das Gnadenbrot der Familie.

Anders Gustav Eduard. Mit 14 Jahren, Qstern 1813, verließ er das Gymnasium. Der stille, bescheidene Junge wurde von seinem Vater, nachdem der Form der damaligen Zeit entsprechend ein umständlicherLehrvertrag abgeschlossen war, Herrn Carl Brösicke Inhaber einer Tuchhandlung in die Lehre gegeben. Sechs Jahre Mindest Lehrzeit verlangten die "Gülde=Ältesten der Deutsch= und Französischen kombinierten Kaufmannschaft der Tuch= und Seidenhandlung der Residenz Berlin", bevor sie den Lehrling "nunmehr fur einen ordentlichen und rechtmäßigen Handlungsdiener" erklärten. Gustav Eduard hat diese sechs Jahre bei Herrn Brösicke gut ausgenutzt. Sein Zielbewußter Verstand sah nicht das Ende allerkaufmännischen Dinge in dem für jedermann zu erlernenden täglichen, immer gleichbleibenden Dienst. Nein, ihm konnte der Dienst nicht imponieren. Das Bild seines eigenen verehrten Chefs schwebte ihm vor. Chef sein, in seinem eigenen kleinen Reich zu herrschen, das war's, wohin ihm der Sinn stand. Die Gefahren, die Sorgen, die sein Streben in sichbargen und mit sich bringen mußten, waren ihm nicht unbekannt. Aber trotz alledem,trotz mangelnden Kapitals: es mußte gewagt werden. Von allen Menschen im Brösickeschen Geschäft flößte ihm doch nur Herr Brösicke wahren Respekt ein, er, der sich durch Fleiß undEnergie seine angesehene Stellung geschaffen hatte. "Du mußt es ebenso machen" sagte sichGustav Eduard.

Zwei Jahre blieb er noch Handlungsdiener bei Herrn Brösicke, während welcher Zeit er wohl die Vorbereitungen zur Errichtung eines eigenen Geschäfts getroffen haben mag. Was ihn gerade bewogen hat, sich von der Tuch der Eisenbranche zuzuwenden, ist nicht genauer bekannt. Ein Freund der Dellschauschen Familie war ein Herr Heidemann, der im Hause "Zum Kaiser Alexander" am Alexanderplatz, Ecke der Alexanderstraße, wo sich heute dasWarenhaus von Tietz befindet, Inhaber eines Ladengeschäfts war. Nicht überliefert sind die Vorgänge, welche dazu geführt haben, daß dieser sich vom Geschäft zurückzog und es dem jungen Dellschau überließ. Tatsache ist jedenfalls, daß sichGustav Eduard am 1. April1821, noch nicht nicht 23 Jahre alt, unter der Firma G. E. Dellschau etablierte. Sein eigenesKapital betrug 200 Taler. Daneben waren sein Vater und sein Bruder mit je 200 Talern, ein Herr Philipp mit 100 Talern und Herr Heidemann mit 2000 Talern Einlage als stille Gesellschafter beteiligt.

Welcher Art war nun das übernommene Geschäft?

Man gehe heute in den Laden eines Kaufmanns auf einem großen Dorf oder in einer kleinen Landstadt und sehe sich das beinahe unentwirrbare Durcheinander von scheinbar systemlos zusammen gewürfelten Waren heterogenster Art an. Ich glaube, dieser Anblick würde dem Bilde, das die Firma G. E.Dellschau im Jahre 1821 darbot, entsprechen. Neben Ver - und Gebrauchsgegenständen für Handwerker jeder Art finden wir dort Haushaltungsartikel, Toilettenartikel, Zündhölzer, Schlittenschellen, Hosenknöpfe aus Perlmutter und Horn, Angelhaken, Nadelbücher, Fingerhüte, Spielzeug, Feuerzeuge, Musikinstrumente und deren Zubehörteile, Bienenkappen, Eichkatzketten, Vogelbauer, Damenbretter, Dominos und noch vielerlei andere Dinge durcheinandergewirbelt. Was wir aber nicht finden, sind Eisen und Eisenbleche.

Der Bürgerbrief vom 30. März 1823


Das erste Geschäftsjahr warf einen Gewinn- von 165 Talern ab; allerdings muß man dabei berücksichtigen daß damals der ganze Lebensunterhalt auf Geschäftsunkosten ging. Interessant ist die Feststellung, daß schon damals Beziehungen zwischen den Firmen G. E. Dellschau und Jacob Ravene bestanden, und zwar finden wir diesen Namen bereits in der zweiten Bilanz als Lieferanten aufgeführt Die nächsten Jahre zeigen eine starke Ausdehnung des Geschäfts bei einer scharf steigenden Gewinnkurve. Der junge Chef war mit Eifer hinter seinem Geschäft her und verstand es, die achtbare und angesehene Stellung seiner Eltern in der Berliner Bürgerschaft und ihren weit ausgedehnten Bekanntenkreis für sein junges Unternehmen nutzbar zu machen. Vom Jahre 1826 an scheint Herr Heidemann nur noch ein kleines Kapital im Geschäft stehen gelassen zu haben, weil er keine andere Anlage fand oder finden wollte. Jedenfalls halten das eigene und fremde Vermögen sich in der Bilanz die Wage.

Gustav Eduard hielt jetzt seine Position für gesichert und konnte daran denken, sich eine Lebensgefährtin zu suchen. Bei der Strenge seiner Ansichten kann es nicht Wunder nehmen, daß er einer Pfarrerstochter die Hand zum Ehebunde reichte. In dieser Zeit finden wir auch die ersten Anfänge des Handels mit Eisenblechen, welche zuerst von dem Kgl. Haupt=Eisen=Magazin in Berlin und später von dem Kgl. Eisenwerk in Eisenspalterei bei Neustadt, Eberswalde bezogen wurden. Im Januar 1824 wird der Firma G. E. Dellschau auf ihren Antrag vom Kgl. Ober= Berg=Amt auf die aus dem Kgl. Haupt, Eisen=Magazin zu beziehenden Sturzbleche ein Rabatt von 1 Taler pro Zentner gewährt, wenn sich die Firma schriftlich verpflichtet, mindestens 50 Ztr. im Laufe des Jahres ahzunehmen. Man sieht mit welchen geringen Quanten man damals schon Großhändler sein konnte!

Stab= und Bandeisen erscheinen zum erstenmal in der Inventur von 1830, und zwar waren es etwa 600 Ztr. schlesischer und englischer Herkunft Es scheint allerdings, als ob die Aufnahme dieser Artikel nicht ganz ohne Sorgen vonstatten gegangen ist, denn die nächsten Jahre bleibt das Kapitalkonto so ziemlich auf derselben Höhe und da kaum anzunehmen ist, daß der Handel in den bisherigen Artikeln unrentabler geworden war, liegt die Vermutung nahe, daß der Handel mit Stab= und Bandeisen Verlust gebracht hat. Also auch damals bedurfte es einer gewissen Zeit, bis die Aufnahme eines neuen Geschäftszweiges Freude bereiten konnte. Vom Jahre 1835 ab beginnt wieder eine Reihe von Jahren fortlaufender zum Teil ungeahnter Prosperität.

Die Vergrößerung des Geschäftes ließ seine Führung auf einem gemieteten Grundstück für die Dauer gefährlich erscheinen Gustav Eduard begann deshalb, sich für den Erwerb von eigenem Grundbesitz zu interessieren. Am liebsten hätte er das Haus, in dem sichdas Geschäft befand, den "Kaiser Alexander", in der Zeit nach den Freiheitskriegen eines der vornehmsten Gasthäuser Berlins, in dem die fremden Fürstlichkeiten atzusteigen pflegten, gekauft Dies Haus nahm die ganze Front am Alexanderplatz ein, wo heute der Tietzsche Kaufpalast steht In der besten Lage Berlins, hätte es sich glänzend für das Geschäft geeignet. Der Wunsch konnte aber nicht ausgeführt werden, weil die Eigentümer des "Kaiser Alexander" eine so hohe Summe forderten, daß es eine Tollkünheit gewesen wäre, ein solches Risiko einzugehen. Gustav Eduard trat deshalb mit den Nachbarnin der Alexanderstraße und am Königsgraben in Verbindung. Sein Gedanke war, nicht nur eines der nichteben großen Grundstücke, sondern gleich drei zu erwerben, damn' dem Geschäft für absehbare Zeit jede Ausdehnungsmöglichkeit gegeben wäre. So kaufte er denn im Jahre 1835 die Grundstücke Alexanderstr.67 und Königsgraben 4 und 5 von dem Regiments= - arzt Friedrich Wilhelm Richter für 31000 Rthlr. und das Grundstück Alexanderstr. 67a von dem Kattunfabrikanten Johann George Wilhelm Windschügl für 9300 Rthlr.

Alexanderstraße 67, 2. Geschäftslokal 1835

Im selben Jahre siedelte Gesdhäft und Familie nachden neuen Grundstüdcen über. Geschäfts= und Familienleben waren damals nicht zu trennen. Ehefrau und Kinder teilten Sorgen und Freuden des Geschäfts ganz anders als heute. Schon allein die gemeinsamen Mahlzeiten mit dem Geschäftspersonal ließen eine Trennung nicht zu und geben eine Erklärung für die allgemeine Ubung, alle Haushaltskosten dem Geschäft zur Last zu schreiben Der Geschäfts= und Hausherr hielt streng auf pünktlichen Beginn der Arbeit und auf Einhaltung der für die Mahlzeiten festgesetzten Zeit. Genau auf die Minute um 8 Uhr abends war auch Geschäftsschluß. Der Chef schloß eigenhändig das Geschäft ab und begab sich dann, wenn nichts anderes vorlag, zu seinem Stammtisch in den Weinstuben von Mund & Co., wo er ein bis zwei Stunden im Freundeskreise verbrachte. Aber auch außer diesem regelmäßigen Abendschoppen wurde neben dem Geschäft die Geselligkeit gepflegt Ein= bis zweimal im Monat besuchte man die Theater unter Bevorzugung der königlichen; alle 14 Tage versammelte man sichzu einer Partie Whist, und einmal in der Woche war Kegelabend. Am Kegelabend fand sich Gustav Eduard mit seinen Freunden Müller,Pfleiderer, Rengert, Blanchois, Cabanis, Grabow, Kahlbaum, Köthen, Schiele und Weber zusammen, -- Namen, die zum Teil auch den heutigen Berlinern gelaufig sind. An Feiertagenund bei festlichen Anlassen pflegte man zum "Schmaus" nach dem Englischen Hause oder zu Kroll zu gehen. Im übrigen war Gustav Eduard jedem Luxus abgeneigt der irgendwie seinemRuf eines sparsamen und ehrbaren Kaufmanns Abbruch hätte tun können. In der wärmeren Jahreszeit leistete man sich wohl auch noch eine Tagespartie nach Charlottenburg, Treptow oder Potsdam. Luxusreisen, bei denen man sich seines eigenen nur zu diesem Zweckbestimmten Reisewagens bediente, waren damals nicht etwas so Selbstverständliches wieheute. Sie waren wegen der damit verbundenen Umständlichkeit ein Ereignis von Bedeutung.Trotzdem wurden zweimal Badereisen nach Karlsbad und Teplitz unternommen.Vergnügungsreisen brachten die Familie nach Hamburg, in den Harz und an den Rhein. Neben diesen zur Seltenheit gehörenden Reisen fand die Familie Erholung vom Mai bis Oktober in ihrem Sommersitz in Pankow, an dem sie mit ganzem Herzen hing. Pankow war ein Buen Retiro der guten Berliner Bürgerfamilien.

Der Sommersitz in Pankow

Es mußte sich jemand schon in gehobener Vermögenslage befinden, um dort den Sommer zu verbringen; denn ohne Pferd und Wagen war es eine Unmöglichkeit.

Ursprünglich ein Bauerndorf, hatten die Berliner die einzelnen Gehöfte nach und nach angekauft und in Sommersitze verwandelt. Man war damals wenig anspruchsvoll und ließdas auf dem Grundstück befindliche Bauernhaus stehen und setzte die neu erbaute Villa in respektvoller Entfernung daneben. Während die Villa der Herrschaft zur Wohnung diente, wurden im Bauernhaus zum Teil die Gärtnerfamilie untergebracht, zum Teil enthielt es Vorrats=, Wirtschafts= und Fremdenräume. Durch diese Art der Anordnung der Baulichkeiten sowie durch die parkartig angelegten Gärten, die unseren heutigen an gutem Geschmack in nichts nachstanden, hatte Pankow sein besonderes Gepräge bis in meine Jugendzeit erhatten. Heute hat die Großstadt auch dieses Idyll verschlungen. Nicht weit von dem Dellschauschen Grundstück befand sidh die bekannte Gartenwirtschaft von Lindner. Dort gab es auf einer Sommerbühne allerlei lustige Vorführungen in ähnlicher Weise wie in einem heutigen Kabarett, nur daß man damals an harmlosercn Witzen seinVergnügen fand. Da geschah es denn auch, daß der Dialog der stereotypen Witzbolde "Schulze" und "Müller" plötzlich durch grollenden Donner hinter der Bühneunterbrochen wurde. Schlotternd vor Angst stand Müller da:"Mensch," sagte Schulze, "wat fürchste dir denn?" "Na vor den Donner." "Ach wat, det is doch keen Donner, det sind ja man blos Bleche von Dellschau!" So mögen die Sommergäste von Pankow sich wohl ein jeder eine kleine Anulkung haben gefallenlassen müssen.

Der Sommersitz in Pankow

Wie vorsichtig auch Gustav Eduard bedacht gewesen ist, sein Geschäft nur im Rahmen des Möglichenauszudehnen so scheinen die Grundstückankäufe und die Ausdehnung des Stabeisen= und Blechgeschäftsdoch die flüssigen Mittel zu scharf angespannt zu haben. Es kam zu einer Krise, da es unmöglich war, diedrängenden Warenlieferanten zu befriedigen. Betrübt und mit schwerem Herzen stand er in derAlexanderstraße im Torweg seines Grundstücks versonnen blickte er auf die Straße und merkte gar nicht,daß sein guter Freund Kahlbaum des Wegs kam und ihm zurief, er solle doch nicht solch mißmutigesGesicht machen, als ob ihm alle Felle weg= geschwommen wären. Kahlbaum merkte aber bald, daß der Kummer tiefer lag, er drang in den verschlossenen Freund ein; man ging ins Kontor und dort hörte Kahlbaum, wo bei Gustav Eduard der Schuh drückte. Ohne weitere Umschweife erklärte sich Kahlbaum bereit, seinem Freunde mit der notwendigen Summe auszuhelfen. Kein Wechsel, keine hypothekarische Eintragung wurde verlangt; es wurde das Kapital als einfaches Darlehn geliehen einzig und allein im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit des Freundes.

Während einer Reihe von Jahren finden wir den Destillateur Kahlbaum als Kapitalgläubiger der Firma G. E. Dellschau eingetragen. Seit Jahrzehnten wohnen Kahlbaums nicht mehr in der Münzstraße und Dellschaus nicht mehr am Königsgraben, und der Verkehr der Familien ist eingeschlafen Aber der Name Kahlbaum wurde noch in meiner Jugend mit besonderer Ehrfurcht genannt und sein Andenken verdient auch bei den heutigen und zukünftigen Inhabern der Firma G. E. Dellschau lebendig gehalten zu werden, zugleich auch als ein Memento, daß im Unglück in den seltensten Fällen ein Freund, wie es Kahlbaum war, gefunden wird.

Die Dellschausche Ehe war mit zwei Töchtern, Marie und Elise, und zwei Söhnen, Eduard und Hermann Otto, gesegnet, von denen Eduard bald nach der Einsegnung starb. Bei der unterschiedslosen Behandlung von Haushait und Geschäft wuchsen die Kinder mit und in dem _Geschäft auf. Wenn Not an Mann war, wurden alle zur Arbeit herangezogen. So war es damals überall Brauch. Was Wunder, daß es zuweilen zu Annäherungen zwischen den Herren vom Geschäftspersonalund den Haustöchtern kam. So mandhes Mal mag bei den gemeinsamen Mahlzeiten ein Blick hinüber und herüber gegangen sein, der im Sinne der strengen Sittlichkeit der Biedermeierzeit eigentlich nichterlaubt gewesen wäre. Im Hause Dellschau befand sich ein Herr Wilhelm August Otto Casten, Sohn eines Angestellten der Firma Jacob Ravene Söhne & Co. Casten und Marie Dellschau hatten Gefallenaneinander gefunden und sich heimlich versprochen. Mit Zittern und Zagen vertrauten sie sich dem alten Herrn an und fanden zu ihrem freudigen Erstaunen dort statt Zorn väterliches Wohlwollen. Der alte Herr hatte schon lange ein Auge auf Casten geworfen, dessen Branchenkenntnis verbunden mit Pflichttreue undsteter freundlicher Bereitwilligkeit ihm längst gefallen hatten Das Geschäft konnte bei richtigem Fleiß gutnoch eine Familie ernähren. Um so besser, wenn neben seinem Sohn auch noch ein tüchtiger Schwiegersohn sein Lebenswerk fortsetzen konnte, dachte Gustav Eduard. Auch war so in bester Weise für dasFortkommen des eigenen Kindes gesorgt. Indessen so schnell ging es mit der Heirat doch nicht. Unterkeinen Umständen durfte Casten im Hause angestellt bleiben. Er mußte noch zwei Jahre lang in eineranderen Handlung ökonditionierenö. Erst dann konnte dieVerlobung ver= öffentlicht und am Ende der Zeit die Hochzeit und gleichzeitig die Etablierung des Schwiegersohnes vorbereitet werden. Die Würde seinerTochter zu wahren, hielt der alte Herr für seine heilige Pflicht und hätte niemals seine Tochter einemAngestellten gegeben. So kam es, daß er seinem Schwiegersohn und seiner Tochter am 1. April 1845 das auf dem inzwischen erworbenen Grundstück Alexanderstraße 68 betriebene Eisenkurzwarengeschäftübergab, während er selbst die Stabeisen= und Blechhandlung behielt. Dies ist der Geburtstag der FirmaW. A. O. Casten, der ersten Tochter der Firma G. E. Dellschau, die auch heute in Berlin und darüberhinaus einen glänzenden Ruf hat und hoch angesehen dasteht Wenn es auch bedauerlicherweise nichtgelungen ist, diese Tochterfirma wieder der Firma G. E. Dellschau anzugliedern, und wenn auch seiteinigen Jahren Abkommen der Familie Dellschau nicht mehr Inhaber undLeiter von W. A. O. Casten sind,so will ich, des Ursprungs dieser Firma gedenkend, ihr ein weiteres gutes Gedeihen wünschen.In diese Zeit fällt auch ein interessanter Briefwechsel der Firma Dellschau mit dem Königlichen Finanz=Ministerio, Abt. Bergwerks=, Hüttens ~ Salinenwesen. Dellschau führt dort aus, daß er dieErzeugnisse der landesherrlichen Hüttenwerke zu Kupferhammer, Eisenspalterei und Messingwerk bei NeustadtsEberswalde fast ohne Nutzen verkaufe. Dagegen verkaufe eine Berliner Handlung wohlfeiler,und zwar zu so billigen Preisen, daß man rein umsonst arbeiten müßte, wollte man seine Kunden festhalten. Weiter fährt er fort:

"Ich bin einer der ältesten Abnehmer des Königlichen Hüttenamts, habe daher nie geglaubt, daß ein anderer Käufer insgeheim mehr begünstigt werden würde als ich, erfahre aber jetztmit Verwunderung, daß ich mich täuschte da die Handlung Jacob Ravené Söhne & Co. außerdem im Preis=Courante festgesetzten Rabatte noch eine besondere Bonification erhält. Es lag in meiner Hand, ein großes Quantum von den im vorigen Jahre entnommenen Warenvorteilhafte anderweitig zu beziehen als treuer Abnehmer aber gab ich dem Königl. Hüttenamtden Vorzug; hoffend dies Verfahren werde Anerkennung finden, da meine großen Bestellungen im vorigen Jahre sehr angenehm waren, indem andere Aufträge nicht im Überfluß eingingen. Nicht zweifelnd, daß es der Wunsch eines Königl. hohen Finanz=Ministerium ist, meineVerbindungen mit den genannten Königl. Hüttenämtern möchten sich nicht vermindern, sondern möglichst noch mehr ausgedehnt werden, erlaube ich mir die gehorsamste Bitte:

daß die der Handlung Jacob Ravené Söhne & Co. oder irgend einem andern Handlungshause bereits gewährte extra Bonification oder andere Begünstigungen, welche vielleicht später bewilligt werden könnten, mir als altem treuem und nicht unbedeutendem Kunden ebenfalls zu Theil werden. Da die Gewährung dieser Bitte der Billigkeit gemäß, so bin ich der Erfüllung derselben gewärtig."


Aus der Antwort des Finanz-Ministeriums geht tatsächlich hervor, daß der Handlung Jacob Ravené Söhne & Co. in dem Fall eine "extraordinaire Provision von Einem Procent" mit dem Vorbehalt der Kündigung zugestanden worden ist, wenn dieselbe während des Kalenderjahres von allen drei Hüttenwerken zusammengenornmen mindestens für 200000 Rthlr. Waren nach Abzug des üblichenRabatts entnimmt. Nachdem dann Dellschau die gleiche Vergünstigung zu= gestanden wird, erhält er am Ende des Schreibens eine leise Vermahnung, weil er im vergangenen Jahre nur auf ein Absatzquantumvon 3309 Ztr. Struzblechen gelangt sei, wenngleich der Debit an die Ravenesche Handlung sich auf 6175Ztr. belaufe Man sieht tout comme chez nous. Nur die Formen haben sich geändert, die Vorgänge selbst sind im wesentlichen unverändert geblieben.

Es war der in seinem Testamente schriftlich festgelegte Wille Gustav Eduards, daß sein einziger SohnHermann Otto dereinst im Geschäft sein Nachfolger und Erbe sein sollte. Daraufhin wurde auch des Sohnes Erziehung eingestellt. Bis zur Einsegnung besuchte Hermann Otto das Real=Gymnasium, um dannOstern 1849 als Lehrling in die väterlidhe Handlung einzutreten. Jedoch etwa ein Jahr zuvor hatte derVater begonnen, seinen Sohn über Licht= und Schatten= seiten des Kaufmannsstandes eingehend zu belehren, damit ihm Zeit bliebe zu prüfen, ob dieser Beruf seinen "Fähigkeiten am angemessensten" sei. Er wies ihn darauf hin, daß "im Kaufmannsstande Stunden und Tage kommen, die statt Freude und Glück Leiden und selbst die sdhwersten Prüfungen bringen, daß solche Zeiten in Gottvertrauen, mit treuerErgebung und ohne Murren zu überwinden sind" und daß öder Kaufmann bestrebt sein muß, durch seinenBeruf nidht bloß seinen Lebensunterhalt zu erwerben, sondern auch ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellsdhaft zu werden". Nicht genug mit den mündlidhen Ermahnungen, hat sich der Vater das Einverständnis mit diesen Ansidhten eingehend schriftlich von seinem Sohn bestätigen lassen.

Weiter mußte der Sohn seinem Vater das feierlichen Versprechen geben, "niemals Ansprüche darauf grunden zu wollen daß er der Sohn des Hauses sei" und ferner bitten, "ihn mit derselben Strenge behandeln zu wollen wie einen Fremden". Und das hat der alte Herr im wahrsten Sinne des Wortes gehalten. Es hätte für Hermann Otto gewiß auch nicht eine einzige Ausnahme gegeben, wenn er nicht schwächlicher Konstitution gewesen wäre und der Arzt dringend zu körperliaher Betätigung geraten hätte. Es wurde deshalb darauf gesehen, daß Hermann Otto sich regelmäßig dem Reit und Sdhwimmsport widmen konnte. Hermann Otto wäre wohl auch sobald nicht über die Stellung, die Alter und Fähigkeit seiner angemessen erscheinen ließen, hinausgewachsen wenn nicht ein trauriges Ereignis von großer Tragweite eingetreten wäre. Im Jahre 1853 schloß seine Mutter ihre Augen zur ewigen Ruhe# Die untrennbare Einheit der Haus- undGeschäftswirtsdhaft erforderte im Hause eine Frau, die durch ihre Stellung allgemeinen Respekt einflößte. Eine zweite Heirat war bei seinem vorgerüclsten Alter nicht nadh Gustav Eduards Geschmack. Bei einer Haus= hälterin war zu befürchten, daß sie ihre eigenen Interessen denen des Haushaltes voranstellen und die Empfindlichkeit des Hausherrn mit Heiratsprojekten verletzen würde. Es blieb demnach nur eines übrig: Hermann Otto mußte eine Schwiegertochter ins Haus bringen. Der junge Freier mußte aber etwas vorstellen, wenn er sich um die Hand der Tochter einer guten Bürgerfamilie bewerben wollte. Deshalb wurde ihm dem 21 jährigen, kurz vor Ablauf des Trauerjahres von seinem Vater Prokura erteilt. Eine höhere Auszeichnung hat der Vater seinem Sohne nie zukommen lassen. Zwar finden wir einige Jahre später im Hauptbudh das Konto G. E. Dellschau in öG. E. Dellschau in Compagnie mit seinem Sohne Hermann Ottoö verwandelt, aber rechtlich hat nie ein Akt stattgefunden, der diese Bezeidmung hätte begründen können. Der jungeProkurist führte bald in der Todhter des Saffianfabrikanten Hallich seinem Vater die zukünftige Schwiegertochter zu und reichte ihr am 26. Juli 1855 zu St. Petri die Hand zum Ehebunde.

Das Vertrauen, das der Vater in seinen Sohn gesetzt hatte, war in jeder Beziehung gerechtfertigt. Hermann Otto stand seinem Vater an Fleiß und Strebsamkeit in nichts nach. Oft machte der alte Herr seinem Sohne Vorwürfe, daß er auf seine Gesundheit zu wenig Rücksicht nehme. Im stillen mag er aber über die Qualitäten seines Erben geschmunzelt haben. Die Kühnheit der Geschäfte des Sohnes haben ihn anfangs überrascht. Da aber Hermann Otto in allem, was er anfaßte, eine glückliche Hand hatte, so stieg er mit den Erfolgen in des alten Herrn Achtung mehr und mehr. Es kamen dann die Jahre der großen Entwicklung in der Eisenindustrie mit dem Ausbau der Eisenbahnen. Ein glänzendes Geschäftsjahr reihte sich an das andere. Ganz leise, unmerklich gingen die Zügel des Geschäftes in die Hände des Sohnes über. Außerlich blieb selbstredend die oberste Autorität des Vaters unangetastet. Aber auch Gustav Eduard war seine irdisdhe Zeit gesetzt. Die Zeichen des Alters machten sich bei ihm ziemlich frühzeitig bemerkbar und nadh längerem Krankenlager legte er sich am 21. September 1863 zur letzten Ruhe nieder.

Mit ihm ging ein Charakter dahin, wie sie nicht gerade alltäglich sind. Sein Leben war köstlich, denn es war Mühe und Arbeit. Schlicht, redlich fromm und sparsam, verband er mit stählerner Energie, eisernemFleiß und ausgeprägtem Pflichtbewußtsein äußerste Strenge gegen sich selbst und andere, insbesondereseine Kinder. In Geschäft und Familie verlangte er unbedingten Respekt vor der Autorität seiner Person.Seine Kinder hatten es nicht leicht ein Lob von dem alten Herrn zu erhalten. Doch schient seine Strengeletzten Endes dem Gedanken entsprungen gewesen zu sein, daß er seinen Kindern kein besseresGeschenk auf den Lebensweg mitgeben könne, als eine strenge Erziehung. Niemals kann er ungerechtgewesen sein. Denn wiewohl der unbeugsame Wille des Vaters schwer auf den Kindern gelegen hat, habeich niemals bei ihren vielen Er=zählungen von dem alten Herrn auch nur einen kleinenTon derMißstimmung mitschwingen hören. Immersprach man von ihm in unendlicher Ehrfurcht und innigster Liebe. Nicht Geldgier war es, die ihn bewegte,sein Geschäft zu immer fruchtbarerer Entwidclung zu treiben. Es war das Gefühl den Kreis, den Gott ihmzugemessen, ausfüllen zu müssen und seiner Aufgabe im Wirt= schafts= und Familienleben nach bestemKönnen gerecht zu werden. Gustav Eduard Dellschau hatten die harten Erfahrungen seiner Jugend gelehrt,dal3 der Mensch sein Herz nicht hängen soll an Schätze welche der Rost und die Motten fressen. Diesen Gedanken hat er auch seinen Kindern als ein mündliches Testament hinterlassen. Nicht etwa in dem Sinne,daß sie ihr Hab und Gut vergeuden sollen, sondern daß sie stets eingedenk sein sollen, daß man sich aufsumpfigen Boden begibt wenn man sich den Schätzen anvertraut und sich von ihnen beherrschen läßt,anstatt um= gekehrt, Herr über sie zu sein. Die späteren Generationen, unter äußerlich günstigeren Ver=hältnissen aufgewachsen, pflegen vielfach den Familienwohlstand als etwas Selbstverständlicheshinzunehmen; sie vergessen, daß der Vermögensbau Stein auf Stein gefügt worden ist und nicht nurerhalten, sondern auch weitergeführt werden muß, wenn die Familienangehörigen dauernd inentsprechender Weise würdige und nützliche Glieder der Gesellschaft sein wollen. Das feierlicheGedenken eines bestimmten Zeitabschnittes mag deshalb eine gute Gelegenheit sein, die Familien=tradition für die späteren Geschlechter wieder aufzufrischen.

Der Begründer der Firma G. E. Dellschau war lange Jahre Freimaurer. Wer die edlen Grund= sätzedieser frommen Bruderschaft nur ein wenig kennt, wird sich nicht wundern, ihn denWeg dort= hin findenund in ihren Reihen aufgenommen zu sehen.

"Ein edler Mensch zieht edle Menschen an".
 
 

DIE NEUE Zeit

"Lust und L iebe sind Fittiche zu großen Taten."

Unter der Leitung Hermann Ottos nahm das Geschäft weiterhin einen glänzenden Auf= schwung. Die vorhandenen Grundstücke boten keine genügend großen Räume mehr für Kontor, Lager und Ställe. Es wurden deshalb im Jahre 1863 das Grundstück Prenzlauer Straße 26 und im Jahre 1872 die Grundstücke Am Königsgraben 6, Alexanderstraße 65 und 66 zu dem alten Grundbesitz hinzu erworben und durch verschiedene Neu= und Umbauten den Anforderungen des gewachsenen Geschäftsbetriebes angepaßt. Inzwischen haste sich auch die Trennung von Haushalt undGeschäft vollzogen. Die Familie blieb allerdings bis zum Verkauf in dem Neubau des alten Grundstücks wohnen, wirtschaftlich trat aber völlige Trennung ein. Eine neue Zeit begann, deren Anschauungen von dem alten patriarchalischen Prinzip mit den Jahren immer mehrabrückten. Ob zum allgemeinenSegen, darüber sindheute die Akten noch nicht geschlossen. Im alten Berlin kannte man Eisen als Baustoff im wesentlichen nicht. Als man begann, sich seiner bei Bauten zu bedienen, verwendete man hauptsächlich alte Eisenbahnschienen Wiewohl auch in Deutschland schon Ende der 50er Jahre Träger gewalzt wurden, begann man in Berlin erst nach dem 70er Kriege I=Träger und U=Eisen in größerem Umfange zu benutzen. Die Firma G. E. Dellschau konnte sich dies Geschäft nicht entgehen lessen und richtete deshalb um das Jahr 1870 auf einem vom Eisenbahnfiskus gemieteten Grundstüds ein Trägerlager ein. Bei der riesenhaften Entwicklung des Berliner Baumarktes nahm dieses Geschäft bald einen ungeahnten Aufschwung, und in edlem Wettstreit waren Stabeisen= und Trägerabteilung bestrebt, die erste Stellung in der Firma einzunehmen. Lange Zeit konnte das Trägerlager jedoch nicht auf dem fiskalischen Grundstück am Schöneberger Ufer bleiben, da der Fiskus der Firma den Mietvertrag kündigte. Die Firma mußte sich nach einem andern Platz umsehen und erwarb 1887 das Grund= stück Torfstraße 32-34, wohin das Trägerlager im folgenden Jahre verlegt wurde. Hatte man bereits am Sdhöneberger Ufer mit der Bearbeitung der Träger ganz im kleinen im Handbetrieb begonnen, so stand in der Torfstraße eine kleine Werkstätte zur Verfügung, die schon in der Lage war, kleinere Eisenkonstruktionen herauszubringen.

Königsgraben 4-6

Es kamen die Jahre, wo der Eisenhandel immer schwerer und schwerer wurde. An dem aufnahmefähigen Berliner Markte wollten eine Reihe neuer Firmen teilnehmen, und nicht nur neue Handelsfirmen taten sich auf, nein, auch die Werke glaubten klug zu tun, wenn sie mit dem Großhandel schöne Lieferungsverträge abschlossen, die ihnen eine angenehme gleichmäßige Beschäftigung gewährleisteten und dann zu gleicher Zeit dem Großhandel den Absatz nach Möglichkeit erschwerten indem sie in seine Kundschaft eindrangen. Es kam zu jahrelangen Kämpfen, bei denen es nach den Worten des Begründers der Firma im Geschäft statt Freude und Glück, Leiden und schwertse Prüfungen gab. Der Boden des Handels schien nicht mehr sicher zu sein. Es war notwendig, daß.die Firma daneben sich noch andere Einnahmequellen suchte.

Torfstr. 32-34, Trägerplatz mit Werkstätten und Eisenmagazin seit 1889

Diese waren durch das Trägergeschäft gegeben, indem man die damit verbundene Werkstätte immer weiter ausbaute, so daß sie schließlich in der Lage war, nicht nur allen Anforderungen des normalen Wohn und Geschäftshausbaus zu genügen, sondern auch Fabrikbauten und Brücken nicht allzugroßen Umfanges übernehmen konnte.Anfangs wurde die Anlage mit einem 30 PS Petro leum--, dannmit einem 60 PS Gasmotor und schließlich mit einer 100 PS Wolfschen Lokomobile betrieben.

In den 80er Jahren finden wir das Hauptbureau der Firma noch immer in dem ursprünglichen Stammhaus, an dem allerdings verschiedene Umbauten vorgenommen worden waren. Aber immerhin entsprachen die Geschaftsräume nicht mehr neuzeitlichen Ansprüchen. Es wurde deshalb 1892 auf dem durch Zukauf inzwischen vergrößerten Grundstück Prenzlauer Straße ein Neubau aufgeführt. 1893siedelte das Geschaft dorthin über, wo es sich noch heute befindet.

Mitten in einer interessanten Zeit neuen Werdens im Berliner und deutschen Handel ereilte den zweiten Inhaber der Firma nach einem tatenreichen und inhaltvollen Leben der Tod. Nach seinem Tode wurde die Firma von seinen Erben in offener Handelsgesellschaft fortgeführt. Die erste Geschäftsführung bestand nach dem letzten Willen des Erblassers aus seinenbisherigen Proku= risten: seinem Sohn Emil und den Herren Otto Freytag und Franz Stromer.Zu diesen Herren trat noch im Jahre 1902 Herr Fritz Heinridh als Prokurist und 1904 ichselber in meiner Eigenschaft als Inhaber. Die unter meinem Vater begonnene Expansion derFirma machte unter seinen Nachfolgern weitere Fortschritte und bekundete sich in einerReihe von Gründungen und Beteiligungen.

Den Anfang machte die Gründung der "Prüß'schePatentwände" G.m.b.H., einer Gesellschaft, deren Prosperität eng mit den eingebrachten Patenten zusammenhing und deren Ende mit dem Ablauf der Patente gegeben war, die aberfür diese Zeit eine durchaus glückliche llnternehmung genannt werden muß. Es folgten dann Beteiligungen an anderen Eisenhandelsgesellschaften in Dresden und in Magdeburg. 1905 wurde gemeinschaftlich mit der Firma Ravené die Firma "Stabeisen= und Trägerhandlung vorm. E. J.Degner G.m.b.H." unter Übernahme des bisher von Herrn Degner betriebenen Stabeisen, und Tragergeschäfts gegründet.1906 finden wir die Firma G. E. Dellschau unter den Gründern der "Barthelmes-Bohrer-Compagniee", G. m. b. H., und der "Berliner Kugellager-Fabrik", G.m.b.H., Unternehmungen, die es in ihrer Branche heute zu hohem Ansehen gebracht haben.

Anfänglich in gemieteten Räumen, die eine in der Fruchtstraße, die andere in der Chausseestraße, untergebracht, fabrizieren sie seit 1912 bzw. 1913 eine jede in ihrem eigenem Neubau auf einem Grundstuck in Berlin=Wittenau, das vor dem Alleineigentum der Firma G. E. Dellschau war. Wenn ich von kleineren Gründungen absehe, war hiermit die Gründertätigkeit beendet. Aber auch das eigene Geschaft wurde nicht vernachlässigt. Die Konstruktionswerkstätte und das Trägerlager in der Torf= straße war inzwischen nicht mehr zeitgemäß geworden.

Für die Erledigung der stetig zunehmenden Aufträge in der Abteilung für Eisenhoch, und Bruckenbau, sowie für das immer mehr anwachsende Handelsgeschaft wurden die dort befindlichen Fabrikations= und Lagerräume zu klein. Der scharf einsetzende, besonders in den erzielten Verkaufspreisen zum Ausdruck kommendeWettbewerb drängte außerdem nach derSchaffung eines modernen Fabrikations= und Lagerbetriebes. Nachdem der Entschluß zum Bau einer neuen Anlage gefaßt worden war, galt es ein Grundstück ausfindig zu machen, welches, in nicht allzu großer Entfernung vom Verkehrsmittelpunkt der Stadt, die Möglichkeit eines direkten Bahn= und Wasser= anschlusses bot. Der Wasseranschluß war vor dem Kriege infolge der erheblich billigeren Wasserfracht gegenüber der Bahnfracht von großer Bedeutung. Bei einem jährlichen Bezug von etwa 10000-Tonnen auf dem Wasserwege ergab sich beispielsweise gegenüber dem Bahn= transpart eine Frachtersparnis von über Mark 50 000,-- . Die Wahl fiel auf ein Grundstück in dem neu erschlossenen Industrieviertel in Tempelhof, das den gewünschten Erfordernissen in jeder Hinsicht gerecht wurde. Die Größenverhältnisse gestatteten auf lange Jahre hinaus die Möglichkeit von Erweiterungen der herzustellenden .Werkstätten und Lagerflächen. Während das Grundstück in der Torfstraße etwa 7900 qm maß, hat das neue Tempelhofer bei einer mittleren Länge von etwa 250 m und einer Breite von 150 m einen Flächenraum vonetwa 37 500 qm. Die vordere, an der Industriestraße gelegene Breitseite besitzt den Bahnanschluß an die Neukölln-Mittenwalder Kleinbahn, während die hintere am Teltowkanal liegende Seite den eigenen Hafen abgrenzt.

Mit der Bebauung des Grundstücks wurde im Sommer des Jahres 1907 begonnen. Beim Fort= schreiten des Baues mußte natürlich Rüdcsicht genommen werden auf die allmähliche Uberleitung der Fabrikation und des Trägerhandelsgeschäfts von der alten nach der neuen Stätte. Im Jahre 1909 waren Bau und ubersiedlung beendet.

Für die freie Lagerung des Materials war vorläufig eine Fläche von etwa 8000qm vorgesehen, die unter zwei Kranbahnen von -je 18 m Spannweite und etwa 260 m Länge liegt. Für den Anfang wurde zunächst eine Kranbahn mit zwei elektrisch betriebenen Kränen von je 6 t und 3 t Nutzlast ausgeführt; aber -schon nach drei Jahren stellte sich die Notwendigkeit heraus, die zweite Bahn zu bauen und in Betrieb zu nehmen. Interessant ist bei der Krananlage die Art der Löschung von Schiffsladungen. Der Teltowkanal hat die für die Anlieger nicht gerade angenehme Eigenschaft daß er sehr tief liegt. Bei dem Dellschauschen Grundstück beträgt der Höhenunterschied zwischen Geländeoberkante und Wasserspiegel etwa 13 m.

In den meisten Fällen wird die Entladung des Schiffgutes am Teltowkanal mittels eines festen Turmkranes mit drehbaren Ausleger vorgenommen. Von dieser Anordnung ist man im vorliegenden Falle abgegegangen und hat folgende Lösung gewählt: die vorher erwähnten Kranbahnen des Lagers werden mittels Aus= leger, deren mittlere Länge etwa 26 m beträgt, über den Kanal geführt und das Schiff durch den gewöhnlichen Lagerlaufkran entladen.

Die Vorteile dieser Anordnung liegen auf der Hand: Es entfällt der teure Turmkran, der nur für die Schiffsentladung benutzt werden kann und daher den größten Teil des Jahres stillsteht und es besteht die Möglichkeit die Ladung ohne Absetzen durch den den Laufkran direkt auf das Lager zu bringen. Der Trumkran dagegen muß eine Last absetzen, und erst ein weiteres Hebezeug kann sie auf das Lager schaffen.30 Die Laufkrane des Lagers bewerkstelligen also Schiffsentladung Waggon ent= und=beladung sowie die Beladung der an die Kundschaft hinausgehenden Fuhrwerke; sic werdendaher äußerst vorteilhaft ausgenutzt. Ein sehr schönes Beispiel für die Vielseitigkeit und Zweckmäßigkeit der Transportvorrichtung zeigen vorstehende Bilder, welche die Beförderung eines in derWerkstätte hergestellten Pontons von etwa 16 m Länge und etwa 5,6 m Breite darstellen, derauf den Kanal herabgelassen und auf dem Wasserwege nach seiner Verwendungsstellebefördert wird.

Auf dem Trägerlager sind außerdem noch die Trägerschneidmaschinen und einigeMaschinen fur einfache Bearbeitung von Bauträgern aufgestellt Für die Querbewegungenauf dem Grund= stück, d. h. für das Hereinschaffen des Rohmaterials vom Lager nach derparallel neben den Kran bahnen liegenden Werkstatt und für das Herausbringen der fertigen Konstruktionen aus der Werkstatt sind besondere Gleisanlagen und Beförderungsmittelvorhanden. Die Werkstatt, dreischiffig ausgebildet, hat eine Länge von 120 m und eine Breite von 148m, d. h. also 5760 qm überdachte Fläche. Sie ist mit Zulagen, pneumatischen Nietanlagen, elektrischen Hebezeugen und Maschinen auf das modernste eingerichtet. Es traf sichglücklich, daß bei Eröffnung des Betriebes in- der neuen Werkstatt zwei komplizierte Brücken von der Stadt Berlin in Auftrag gegeben wurden. Dieses waren die Hansa=Brücke und die Föhrer Brücke, an deren Fertigstellung alle Werkstatteinrichtungen ihre Feuerprobe gut bestanden. In wie hohem Maße reichlich vorhandene Räume und LagerflächenTranspüorteinrichtungen und moderne Maschinen.- . gerade im Schwerbetrieb die Produktion zu heben in der Lage sind, konnte man bei der neuen Werkstatt besonders im Kriege beobachten, wo es hieß, mit einem Mindestmaß an Menschen größte Leistungen zu erzielen.

Auf der dem Kanal zugekehrten Seite kann dieWerkstatthalle später erweitert werden, während nach der Straßenseite zu sich als Kopfbau ein Hochbau anschließt, in welchem die Expeditionsräume, die technischen und kaufmännischen Bureaus, dieWasch -- und Ankleideräume für die Arbeiter, sowie die Eßräume und Kuche untergebracht sind.

Die massiv hergestellten Pferdeställe mit darüberliegenden Futterböden, sowie Kutscher= und Portierwohnungen sind getrennt dem Bureaugebäude gegenüber errichtet. Der gesamte Betrieb ist für elektrische Kraft eingerichtet, die von den Berliner Vorort=Elektrizitäts=Werken bezogen und in einer eigenen Transformatoranlage auf die Betriebsspannung umgeformt wird Einige Zahlen seien noch hinzugefügt. Wie vorher erwähnt hat das Grundstück eine Größe von etwa 37500 qm, davon sind mit Gebäuden etwa 7400 qm und mit Lagerflächen etwa 14000 qm bedeckt, so daß noch etwa 16500 qm für zukünftige Erweiterung frei stehen. Neben der Träger= und Konstruktionsabteilung blieb das Stabeisen= und Blechgeschäft nicht etwa vernachlässigt. Auch das Stabeisen

und Blechlager ist nicht mehr auf seinem alten Fleck in der Prenzlauer und Alexanderstraße.

Kurz vor dem Kriege wurde es nach dem Grundstück Sickingenstraße 9-17 verlegt, wo unter Ausnutzung jahrzehntelanger Erfahrungen eine Anlage besteht, die es mit ihrem modernen, elektrisch betriebenen Transporteinrichtungen ermöglicht, die notwendigen Massenbewegungen äußerst rationell auszuführen und die Kundschaft schnellstens zu bedienen.

Die Hoffnung, daß die verschiedenen Geschäftszweige der Firma unter den Segnungen eines bisher seit 43 Jahren nicht gestörten Friedens unter zielbewußter Leitung weitere Fortschritte machen würde, schiendurch den Kriegsausbruch vernichtet zu sein. Tatsächlich trat bei Beginn des Krieges eine beinahe gänzliche Stockung der Geschäfte ein, die um so unangenehmer fühlbar wurde, als die Kundschaft der feindlichen Länder plötzlich aus dem Geschäftsleben ausschied. Weder konnten dorthin Lieferungen gemacht werden, noch konnte man die dort ausstehenden Gelder einbekommen. Das alte Sprichwort aber, daß der Krieg den Krieg ernährt, bewährte sich auch dieses Mal. Zwar hat sich die Firma an unmittelbaren Kriegslieferungen nur in beschränktem Maße beteiligt. Dagegen waren bald nach Kriegsbeginn alle Betriebe mit mittelbarem Kriegsbedarf in ihren normalen Artikeln vollauf beschäftigt undblieben es, bis der weltumspannende Rückschlag der Kriegs= und Revolutionskonjunttur eintrat, den wir auch heute noch nicht überwunden zu haben scheinen.

In der Geschäftsleitung und Form der Firma sind inzwischen einige Änderungen eingetreten. Am 30.April 1906 verstarb Herr Otto Freytag, und am 11.April 1916 folgte ihm mein Bruder Emil nach. Nach dem Tode des letzteren wurde die Firma in eine Kommanditgesellschaft unter gleichzeitigemAufnahme von Herrn Franz Stromer als persönlich haftenden Gesellschafter umgewandelt. Die Geschäftsleitung bestand jetzt aus den Herren Franz Stromer,Viktor Dellschau, Fritz Heinrich als Prokurist und meiner Person. Es war Herrn Stromer jedoch nicht vergönnt, seine segensreiche Tätigkeit in derhöchsten Würde, die die Firma zu vergeben hat, lange aus zu üben. Nach einem an Arbeit reichen Leben verschied er am 15. Oktober 1917, im ersten Geschäftsjahr der veränderten Firma. Was ihm die Firma zuverdanken hat, wissen alle, die mit ihm zusammen gearbeitet haben. Sein Leben gehörte der Firma, der ermit ganzem Herzen und seltener Treue ergeben war. Bis zum letzten Atemzug war er tätig. Er starb, wieman zu sagen pflegt, in den Sielen. Sein Andenken sei seinen Nachfolgern heilig.Inzwischen ist Herr Fritz Heinrich persönlich haftender Inhaber und Herr Kurt Dellschau Prokurist geworden. Ich möchte noch erwähnen, daß Herr Stromer und Herr Heinrich in ununterbrochener Tätigkeit bei der Firma vom Lehrling bis zum Inhaber aufgestiegen sind.

Dem von gewisser Seite heute sogern gebrauchten Schlagwort: "Freie Bahn allen Tüchtigen" demnach der neue Gedanke und damit die Patentfähigkeit zu fehlen. Bestenfalls kann ein Musterschutz genommen werden. Unter allen Umständenbeansprucht aber die Firma G. E. Dellschau das Vorbenutzungsrecht.

Ich möchte meine Niederschrift nicht ohne eine kleine Betrachtung über die treibenden Kräfte schließen, die aus kleinsten Anfängen in stetigem Fortschreiten aus sich selbst heraus die Firma G. E. Dellschau zu ihrer heutigen Höhe emporgehoben haben.

Ist es wohl denkbar, daß dies Ziel allein durch blinden Zufall hätte erreicht werden können, indem sich die Geschäftsleiter tatenlos in abwartender Stellung neben ihre Angestellten und Arbeiter gesetzt hätten?

Hätte wohl schematische Achtstundenarbeit aus den 200Thalern, mit denen der Begründer der Firma das Geschäft begann, das heute blühende Unternehmen erwachsen lassen können, wie die Geistesströmungen unserer Zeit uns glauben machen wollen?

Nein und wiederum nein!

Von selbst, gestützt auf äußerliche Zufälligkeiten, kommt kein Geschäft zur Blüte. Dahin kann eine Firma nur mit starken Persönlichkeiten an ihrer Spitze gelangen, die über genügend Initiative verfügen, zur richtigen Zeit die richtigen Entschlusses zu fassen, die es verstehen, den Wechsel der Zeiten frühzeitig zu erkennen und sich dach einzustellen. Solche Eigenschaften sind zu allen Zeiten immer nur einigen wenigen Individuen in die Wiege gelegt worden; sie können entwickelt, aber nie angelernt werden. Darum wird der nur auf Mehrheitsbeschlüssen basierende Sozialismus stets verflachend wirken und nur schwache Taten vollbringen. Wirklich Großes wird auch in Zukunft dem Individualismus allein beschieden sein.
 

## Was heißt die russische Zeile ??##
 
 

Die Persönlichkeit des Kaufmanns muß aber durch eine Tugend ganz besonders hervortreten. Das ist die Treue. Treue gegen sich selbst und gegen andere. Das verpfändete Wort sei dem Kaufmann heilig. Darauf beruht sein Ansehen, sein Kredit. Die zukuünftigen Leiter der Firma mögen sich meine Worte tief ins Herz graben und sich an ihren Vorgängern, inbesondere an dem Gründer der Firma ein Beispiel nehmen.

"Sei getreu bis in den Tod". Die Treue sei ihnen wie ein unschätzbar Diamant, um keinen Preis verkäuflich:

"Dem großen Kaufmann gleich,Der, ungerührt von des Rialto Gold,Und Königen zum Schimpfe seine PerleDem reidien Meere wiedergab, zu stolz,Sie unter ihrem Werte loszuschlagen."


Niedergeschrieben zur Erinnerung an dieVollendung des erstenJahrhunderts des Bestehens der Firma G. E. Dellschau

von Dr. jur. OTTO DELLSCHAU

B E R L I N. D E N 1. A P R I L 1 9 2 1

elektronisch umgesetzt von Robert Dellschau, Oktober 1997

... und immer mal wieder gepflegt, angepasst, verwaltet ... zuletzt Mai 2012

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